EIN GASTARTIKEL VON MINA ARMANI, IRANISCHE AKTIVISTIN

Die iranische Feministin Mina Armani analysiert die genderidentitätsideologische Politik aus der Perspektive einer Frau, die patriarchale Gewalt gegen Frauen nicht als Theorie, sondern als staatlich organisierte Realität kennt. Ausgehend von islamischem Patriarchalismus, westlicher Medienberichterstattung und queerer Identitätspolitik zeigt sie, wie Frauenrechte und Homosexualität zugunsten ideologischer Narrative im Westen geopfert werden. Ein Beitrag über Macht, Realität und das Schweigen dort, wo feministische Solidarität nötig wäre.
Ich komme aus einer Gesellschaft, in der Frauen nicht wegen ihrer Identität unterdrückt werden, sondern wegen ihres Körpers. Geschlecht ist dort keine Selbstbeschreibung, sondern eine Machtordnung. Eine islamisch und staatlich abgesicherte Struktur, die bestimmt, was Frauen tragen, wie sie sich bewegen, wen sie lieben dürfen – oder ob sie überhaupt leben dürfen.
Wenn ich westliche Debatten über „Genderidentität“ verfolge, sehe ich darin keinen Fortschritt. Ich sehe eine ideologische Verschiebung, die reale Unterdrückung unsichtbar macht – und die von Aktivistinnen, Aktivisten und Medien aktiv getragen wird.
Die sogenannte Translobby ist kein geheimes Netzwerk, sondern ein offenes Geflecht aus Aktivistinnen und Aktivisten, NGOs, akademischen Stimmen, Politik und Medien, die ein bestimmtes Geschlechterverständnis zur moralischen Norm erklären.
Organisationen wie HateAid etwa haben sich vom legitimen Kampf gegen digitale Gewalt hin zu Akteuren entwickelt, die Genderidentität unhinterfragt als Grundlage von „Schutz“ setzen – während Konflikte mit Frauenrechten oder Homosexualität kaum thematisiert werden. Kritik daran gilt schnell als „Hass“, nicht als politische Position. Frauen wie J.K. Rowling, oder Rona Duwe (Was ist eine Frau? Gründerin), die sich ausschließlich für Rechte der Frauen und Mädchen einsetzen, werden als "TERFs“ diffamiert.
Medien wie DER SPIEGEL, taz, ZEIT oder ÖRR übernehmen häufig die Frames des Aktivismus:
So wird etwa regelmäßig ausführlich über Diskriminierungserfahrungen von sogenannten „Transpersonen“ berichtet – was legitim ist –, während Zielkonflikte mit Frauenrechten, Schutzräumen, Sport oder Statistik marginalisiert oder moralisch abgewehrt werden.
Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert.
Besonders deutlich wird dies in der Wortwahl, die patriarchale Strukturen verschleiert:
Besonders auffällig ist das Schweigen vieler westlicher intersektionaler Queerfeministinnen zum islamischen Patriarchat. Stimmen wie Ferda Ataman oder Sawsan Chebli sprechen zwar über Diskriminierung, meiden aber eine klare Benennung von Zwangsverschleierung, Homofeindlichkeit oder islamischer Sexualmoral als strukturelles Problem.
Kritik daran wird schnell als „Islamophobie“ gebrandmarkt. Frauen aus islamisch geprägten Gesellschaften dürfen sprechen – solange sie nicht stören.
Ein weiterer blinder Fleck der Debatte: Die Unterdrückung, Verfolgung und Bedrohung von Frauen und Homosexuellen endet nicht an europäischen Grenzen. Sie findet auch innerhalb muslimischer Communities im Westen statt – in Form von sozialer Kontrolle, Gewaltandrohungen, Zwangsverheiratung, „Ehren“-Gewalt und massivem Druck auf homosexuelle Menschen. Wer das benennt, wird jedoch nicht unterstützt, sondern häufig als „spaltend“ oder „islamfeindlich“ diskreditiert. Das Schweigen schützt nicht die Betroffenen, sondern die Täter.
Dieser intersektionale Wohlstands-Queerfeminismus agiert aus maximaler Sicherheit: akademisch, medial, ökonomisch abgesichert. Von dort aus wird Geschlecht zur Identitätsfrage erklärt und Kultur zur Entschuldigung.
Zwangsverschleierung wird relativiert, Homofeindlichkeit als „komplexer Kontext“ beschrieben. Frauen wie ich – Iranerinnen, Afghaninnen, Yezidinnen, Israelinnen – werden nicht als politische Subjekte ernst genommen, sondern als Projektionsflächen.
Besonders deutlich wurde dieser Verrat am 07. Oktober 2023, als islamische Gewalt gegen israelische Frauen öffentlich wurde. Teile westlicher intersektionaler Queerfeministinnen schwiegen oder wichen aus. Einige beriefen sich weiterhin auf feministische Parolen, ohne die sexualisierte Gewalt an Jüdinnen klar zu benennen. Damit wurde sichtbar, dass jüdische Frauen für diese Strömungen nicht in das eigene Opfernarrativ passen – ebenso wenig wie Frauen, die islamische Gewalt offen benennen.
Das ist kein Antirassismus. Das ist paternalistische Bevormundung – und die ideologische Verharmlosung patriarchaler Gewalt.
Auch Homosexualität gerät unter Druck. In der Logik der „Genderidentität“ ist sexuelle Orientierung plötzlich verhandelbar. Lesben und Schwule, die auf der Realität gleichgeschlechtlicher Anziehung bestehen, gelten als „queerfeindlich“ oder „ausschließend“. Oftmals werden Lesben als "TERFs" bezeichnet, weil sie Männer nicht als Lesben anerkennen.
Währenddessen wird über die systematische Verfolgung Homosexueller in islamischen Ländern und Communities geschwiegen – aus Angst, kulturelle Gefühle zu verletzen. Das ist kein Fortschritt. Das ist Zynismus.
Auffällig ist auch, dass Homosexuelle, die sich nicht als „queer“ definieren wollen, medial kaum vorkommen. Organisationen wie die LGB Alliance vertreten explizit lesbische, schwule und bisexuelle Menschen, die ihr Geschlecht nicht als Identität, sondern als biologische Realität verstehen. Gerade deshalb werden sie in vielen Medien ignoriert oder pauschal diffamiert. Ihre Position passt nicht ins identitätspolitische Narrativ – und wird deshalb nicht gehört. Das ist keine Vielfalt, sondern ideologische Selektion.
Die Konsequenzen dieser Logik werden dort sichtbar, wo sie Macht erhält. Identität wird zur Ordnungskategorie, Abweichung zur Korrektur. Selektive Solidarität hat einen Preis:
Dass der iranische Staat geschlechtsangleichende Operationen teilweise finanziell unterstützt, wirkt auf den ersten Blick paradox – insbesondere in einem Regime, das Homosexualität kriminalisiert und mit Haft, Folter oder der Todesstrafe verfolgt. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Liberalität, sondern um ein Instrument autoritärer Ordnungspolitik.
Die Islamische Republik erkennt Homosexualität nicht als legitime sexuelle Orientierung an. Gleichgeschlechtliches Begehren gilt als unislamisch, moralische Abweichung und als Bedrohung der religiös-patriarchalen Ordnung. Gleichzeitig hält das Regime strikt an einer binären Geschlechterhierarchie fest: Mann und Frau mit klar zugewiesenen Rollen und Machtpositionen.
In diesem ideologischen Rahmen wird Homosexualität nicht als legitime sexuelle Orientierung verstanden, sondern als medizinisch „korrigierbarer Fehler“.
Bereits Khomeini erklärte Transition für religiös zulässig. Der Staat nutzt diese religiöse Legitimation, um homosexuelle Menschen in die binäre Ordnung zurückzupressen: Aus einem Mann, der Männer liebt, soll eine Frau werden – nicht aus Freiheit, sondern zur Wiederherstellung heteronormativer Kontrolle.
Für viele homosexuelle Menschen bedeutet dies eine existentielle Zwangslage. Berichte von Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen zeigen, dass die „Entscheidung“ zur Operation häufig unter massivem familiärem, sozialem und staatlichem Druck erfolgt. Die Alternative ist soziale Vernichtung, Strafverfolgung oder Tod. Transition oder Exekution. Das ist keine Wahl, sondern Zwang und massiver Körperverletzung.
Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Aspekt: die Wirkung religiöser Indoktrination. Viele homosexuelle Menschen wachsen im Iran mit der Überzeugung auf, dass Homosexualität Sünde, Verderbnis und Schande sei. Diese internalisierte Gewalt führt dazu, dass einige ihre eigene sexuelle Orientierung hassen und sich selbst als moralisch defekt wahrnehmen.
In diesem Kontext erscheint eine Transition nicht als Befreiung, sondern als vermeintlicher Ausweg aus Schuld und Stigmatisierung: nicht mehr „sündiger Homosexueller“, sondern „legitime Transperson“. Der Staat profitiert von dieser Selbstdisziplinierung, weil sie äußeren Zwang durch innere Unterwerfung ersetzt. Das Ergebnis ist keine Autonomie, sondern eine tief verinnerlichte Anpassung an islamischer Gewalt.
Aus dieser staatlich geförderten Praxis ist ein hochspezialisierter medizinischer Sektor entstanden. Iranische Chirurgen verfügen über große Erfahrung, die Kosten sind vergleichsweise niedrig, bürokratische Hürden gering. Daraus hat sich in den letzten Jahren eine Form von internationalem „Transitionstourismus“ entwickelt, auch aus Deutschland1.
Problematisch ist nicht die medizinische Kompetenz an sich, sondern der Kontext, in dem sie entstanden ist: Ein System, in dem dieselben Operationen für iranische Homosexuelle oft ein Mittel zum Überleben sind – während sie für europäische – meist Männer – eine günstige Dienstleistung darstellen.
Besonders irritierend ist, dass viele westliche Männer, die sich im Iran genderaffirmativen Operationen unterziehen, keinerlei Solidarität mit iranischen Frauen zeigen, die unter Zwangsverschleierung, Entrechtung, sexualisierter Gewalt und staatlicher Kontrolle leiden. Sie nutzen die Infrastruktur eines repressiven Systems, ohne dessen Opfer auch nur anzuerkennen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Forderung nach Solidarität von Frauen für diese „Transfrauen“ anmaßend. Solidarität ist keine Einbahnstraße und kein moralischer Anspruch, der unabhängig von Machtverhältnissen erhoben werden kann. Wer von einem Regime profitiert, das Frauen systematisch unterdrückt, kann nicht gleichzeitig verlangen, als Teil eines feministischen Kollektivs wahrgenommen zu werden.
Die staatlich geförderte „Geschlechtsangleichung“ im Iran ist kein Zeichen von Fortschritt, sondern Ausdruck eines zutiefst patriarchalen, autoritären HERRschaftssystems. Sie dient der Stabilisierung einer repressiven Geschlechterordnung, der Auslöschung homosexueller Existenzformen und der Disziplinierung von Körpern – nach außen durch Gewalt, nach innen durch religiöse Schuld.
Eine ernsthafte feministische und menschenrechtliche Perspektive muss diesen Zusammenhang benennen. Wer Freiheit ernst meint, darf medizinische Praxis nicht vom politischen und religiösen Zwang trennen, in dem sie entsteht – und darf Solidarität nicht dort einfordern, wo zuvor Gleichgültigkeit herrschte.
Schwere Straftaten einzelner queerer Aktivisten – etwa Mario O. (Kinderpornografie) oder Simeon Trax (Gewaltdelikte) – werden in Debatten oft relativiert. Kritik an diesen Taten gilt schnell als „queerfeindlich“ oder „rechts“.2
Auffällig ist, dass Gewalt, die von Männern begangen wurde, im Diskurs plötzlich nicht mehr als männlich, sondern als von „queeren Personen“ mit Pronomen „sie“ ausgeübt dargestellt wird. Damit werden Frauen Taten von Männern zugeschrieben.
Gleichzeitig werden islamisch motivierte Femizide und Attentate häufig als „Familiendrama“, „psychische Erkrankung“ oder „Einzelfall“ geframt, wodurch die strukturelle Dimension patriarchaler Gewalt verschleiert wird.
Der Opferschutz wird geschwächt und Identität zum Schutzschild gegen Verantwortung benutzt.
Indem Medien und Aktivisten reale patriarchale Gewalt nicht klar benennen, überlassen sie dieses Feld jenen, die es instrumentalisieren. Wer islamische Frauen- und Homofeindlichkeit tabuisiert, stärkt nicht Minderheiten, sondern die Rechten. Wer biologische Realität leugnet, schwächt Frauenrechte.
Wahrer Antirassismus senkt keine Maßstäbe. Er wendet sie universell an.
Hier zeigt sich die strukturelle Dimension: Queere Identitätspolitik verlagert Politik von universellen Rechten auf subjektive Identitäten. Demokratie lebt jedoch von Rechtsgleichheit, Kritikfähigkeit und offenem Streit. Identitätspolitik ersetzt diese Grundlagen durch moralische Immunität: Bestimmte Positionen dürfen nicht mehr hinterfragt werden, ohne als „diskriminierend“ zu gelten.
So wird Demokratie nicht frontal angegriffen, sondern von innen ausgehöhlt. Meinungsfreiheit wird zur „Gewalt“, Fakten zur „Erfahrung“, Recht zur Gefühlssache. Institutionen, Medien und Bildungseinrichtungen passen sich aus Angst an – nicht aus Überzeugung. An die Stelle demokratischer Auseinandersetzung treten Sprachkontrolle und soziale Sanktionen.
Davon sind nicht nur Frauen betroffen, deren Rechte und Räume relativiert werden. Auch lesbische, schwule und bisexuelle Menschen geraten unter Druck, wenn sie ihre Rechte universal – nicht identitär – begründen. Abweichung wird sanktioniert, Vielfalt behauptet.
Diese Entwicklung schafft eine strukturelle Nähe zwischen linker Kollektivideologie, sozialistischen Steuerungsfantasien und islamistischer Herrschaftslogik. Alle drei ordnen das Individuum einem moralisch aufgeladenen Kollektiv unter, erklären Kritik zur Sünde und rechtfertigen Freiheitsbeschränkungen im Namen eines höheren Gutes. Das Individuum zählt nur, solange es sich dem Narrativ fügt.
Die Palästina-Sache fungiert dabei als ideologischer Kristallisationspunkt: Weniger als humanitäres Anliegen, sondern als Projektionsfläche für Antiwestlichkeit, Antisemitismus und autoritäres Denken. Universalistische Maßstäbe werden selektiv ausgesetzt.
So wird queere Identitätsideologie zum Hebel, mit dem Demokratie von innen geschlagen wird – nicht um sie zu verbessern, sondern um sie durch kollektivistische, sozialistische oder islamistische Autoritätsmodelle zu ersetzen. Nicht durch Panzer, sondern durch Moral.
Ich brauche keine wohlmeinenden Stellvertreterinnen.
Ich brauche Medien, die Macht analysieren – nicht Moral verwalten.
Und einen Feminismus, der Realität ernst nimmt: biologische, rechtliche und politische.
Alles andere ist kein Fortschritt.
Es ist Wegsehen.
#WomanLifeFreedom