Ein Artikel der Passauer Neue Presse

Wieder einmal erreicht uns ein Artikel, der auf den ersten Blick Mitgefühl wecken soll, bei genauerem Lesen jedoch ein höchst problematisches Bild zeichnet – besonders für junge Frauen und Mädchen, die ohnehin mit gesellschaftlichem Druck und Körperunsicherheiten kämpfen.
Die Passauer Neue Presse legt ihren Lesern ein Beispiel vor, das suggeriert: Wer keine typischen Mädchensachen mag, könne kein Mädchen sein. Der Text ist voller Klischees, bagatellisiert Selbstverletzung und psychische Belastungen und lässt entscheidende Fragen völlig unbeantwortet: Warum wird Geschlecht hier ausschließlich über Barbie-Puppen, Xbox, lange Haare und Kleidung definiert? Warum wird die ursprüngliche lesbische Orientierung nur als „Zwischenschritt“ erwähnt? Und warum wird jungen Leserinnen suggeriert, dass der eigene Körper nur dann „richtig“ ist, wenn er bestimmten Stereotypen entspricht – oder operativ verändert wird?
Unser offener Brief an die Redaktion macht deutlich: Diese Art der Berichterstattung ist nicht nur einseitig, sondern gefährlich. Sie verstärkt regressive Geschlechterklischees, pathologisiert gesunde weibliche Körper und gefährdet genau die Mädchen und jungen Frauen, die wir schützen wollen. Hier ist unser Schreiben im Wortlaut:
Betreff: Bedenken zur Darstellung im Artikel „Trans-Mann aus Osterhofen kämpft seit Jahren für sein Recht auf Selbstbestimmung“
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion der Passauer Neuen Presse, sehr geehrter Herr Markus Berer,
in unserer Rolle als Dialogplattform für Frauenrechte „Was Ist Eine Frau?“ sehen wir uns veranlasst, auf Ihren Beitrag vom 12. Dezember 2025 unter dem Titel „Trans-Mann aus Osterhofen kämpft seit Jahren für sein Recht auf Selbstbestimmung“ zu reagieren.
Bestimmte Ausdrucksweisen und die Gesamtaufmachung des Textes erscheinen uns fragwürdig und verantwortungslos, vor allem hinsichtlich der potenziellen Effekte auf Mädchen und junge Frauen sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung von Weiblichkeit.
Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die individuellen Erfahrungen oder Entscheidungen einzelner Personen, die in solchen Artikeln porträtiert werden. Vielmehr sehen wir Probleme in der medialen Darstellung dieser Themen, die schädliche Botschaften an ein vulnerables Publikum vermitteln. Im Weiteren legen wir unsere Einwände dar und erklären, weshalb eine nuancierte, evidenzbasierte und achtsame Berichterstattung unerlässlich ist.
Verstärkung sexistischer Stereotype ohne ausreichende Auseinandersetzung
Der Text greift mehrmals auf überholte Geschlechterklischees zurück, etwa indem er Kindheitsepisoden wie das Vorziehen von Jungs als Spielkameraden, das Weinen über eine Barbie oder das Verstecken langer Haare unter einer Mütze als Zeichen für ein nicht-weibliches Geschlecht hervorhebt. Seit Langem setzen sich Feministinnen dafür ein, dass junge Frauen solche Vorurteile – wie das Tragen von Röcken oder langes Haar – selbstsicher ablehnen können, ohne dass ihr Geschlecht in Zweifel gezogen wird. Ein Mädchen, das lieber actionbetonte Spiele mag oder kurze Frisuren bevorzugt, ist deswegen nicht weniger weiblich. Solche Kernbotschaften sind essenziell, um die Autonomie von Mädchen zu stärken.
Zugleich wird ein engstirniges Ideal von Männlichkeit propagiert: Elemente wie das Spielen mit einer Xbox werden als typisch männlich markiert, während lange Haare als unpassend für Männer impliziert werden, was zum Verstecken führt. Es ist jedoch alltäglich und akzeptabel, dass Männer langes Haar tragen oder andere Züge zeigen, ohne ihre Männlichkeit zu verlieren.
Diese unreflektierte Wiedergabe solcher Klischees schürt ein rückschrittliches Verständnis von Geschlecht, das sowohl Mädchen als auch Jungen beeinträchtigt. Viele junge Frauen stoßen noch immer auf Hänseleien, wenn sie medial vermittelten Erwartungen nicht genügen, etwa indem sie als „männlich“ oder wie im Artikel erwähnt, als „Mannsweib“ verspottet werden, was ihr Wohlbefinden langfristig beeinträchtigen kann. Eine bedachte Darstellung hätte diesen Hintergrund berücksichtigen müssen, statt veraltete Vorurteile zu festigen.
Bagatellisierung psychischer Belastungen und Selbstschädigung
Wir erachten die oberflächliche Behandlung von Depressionen, psychischen Störungen und Selbstverletzung als besonders bedenklich. Diese werden als Konsequenz des Konflikts mit dem eigenen Körper geschildert, ohne tiefer auf mögliche Auslöser wie sozialen Druck, Hänseleien oder pubertäre Herausforderungen einzugehen. Forschung zeigt, dass derartige Belastungen bei Jugendlichen, insbesondere Mädchen, oft gesellschaftliche Wurzeln haben. Die wissenschaftlichen Dienste des Bundestags fassten im September 2024 die neuesten Erkenntnisse zu „sozialer Ansteckung“ und dem Impact sozialer Netzwerke auf psychische Gesundheit und Körperwahrnehmung zusammen1. Arbeiten des National Institute of Mental Health betonen, dass in der Adoleszenz der Zwang zu idealisierten Körpernormen Selbstverletzung und depressive Episoden fördert2. Der „Werther-Effekt“ unterstreicht hier die Rolle der Presse.
Der Beitrag referenziert Selbstverletzung und die Abneigung gegen den eigenen Körper (etwa beim Duschen) ohne Warnung vor den Risiken. Derartige Muster entstehen selten isoliert, sondern aus komplexen seelischen Gründen, wie der Bewältigung körperlicher Veränderungen in der Jugend. Eine sorgfältige Berichterstattung hätte die Gefahren wie anhaltende mentale Schäden hervorgehoben und Verbindungen zu kulturellem Druck beleuchtet. Stattdessen erscheint solches Handeln als natürlicher Bestandteil einer Identitätssuche. Dadurch könnten betroffene Jugendliche motiviert werden, schädliche Praktiken als Lösung zu betrachten, statt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Fehlende Hinweise auf risikoreiches Verhalten
Ein zusätzlicher Schwachpunkt liegt in der Schilderung des Brustabbindens (Binding), die ohne jegliche Vorsichtsmaßnahme erfolgt. Diese Methode stellt eine Form der Selbstschädigung dar, die schwere körperliche Nachwirkungen haben kann. Experten der American Academy of Pediatrics (2021)3 weisen darauf hin, dass häufiges Binding zu Deformationen an Rippen und Wirbelsäule, Atemproblemen sowie dauerhaften Beschwerden führen kann. Es behindert zudem körperliche Aktivitäten und belastet die Gesundheit weiter.
Auf psychischer Ebene kann Binding eine vorhandene Körperwahrnehmungsstörung vertiefen, indem es die Verleugnung des eigenen Körpers als normal hinstellt. Wenn Sie diese Gefahren ausblenden, schaffen Sie bei jungen Leserinnen eine irreführende Vorstellung und übergehen die Folgen solcher Ansätze, die als Umgang mit Missbehagen präsentiert werden. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung sollte diese Risiken benennen und Alternativen wie psychologische Unterstützung aufzeigen.
Vernachlässigung des Hintergrunds zu sexueller Orientierung und Konversionsrisiken
Ein weiterer Aspekt, der in Ihrem Artikel völlig unreflektiert bleibt, ist die beiläufige Erwähnung des anfänglichen Outings als lesbisch. Viele lesbische Frauen lehnen typische Frauenklischees ab, was nichts Ungewöhnliches ist. Studien zeigen, dass lesbische Frauen oft Geschlechterstereotype ablehnen, wie in einer Arbeit zu „butch“ Lesben, die feminine Erscheinungen meiden4. In der Pubertät haben viele lesbische Mädchen Schwierigkeiten: Liebeskummer durch unerwiderte Gefühle zu heterosexuellen Freundinnen, Mangel an gleichaltrigen Partnerinnen oder gesellschaftliche Stigmatisierung können zu Unsicherheiten führen. Solche Prozesse werden in Ihrem Artikel ausgeblendet – stattdessen wird die lesbische Phase als Übergang zu einer „männlichen Identität“ präsentiert.
Das wirft Fragen auf, die an Konversionstherapie erinnern: Eine lesbische Frau wird zu einem heterosexuellen Mann umgedeutet. Dies erinnert an Praktiken in Ländern wie Iran, wo Homosexualität illegal ist und Betroffene zu vermeintlichen „Geschlechtsumwandlungen“ gedrängt werden, um der Verfolgung zu entgehen5 6. Berichte der BBC und von Human Rights Watch dokumentieren, dass in Iran Homosexuelle oft zu Operationen gezwungen werden, um „heterosexuell“ zu gelten7. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung hätte diesen Kontext thematisiert und klargestellt, dass die sexuelle Orientierung durch medizinische Eingriffe nicht geändert werden kann. Stattdessen riskiert der Artikel, vulnerable junge lesbische Frauen zu ermutigen, ihre sexuelle Orientierung als „falsch“ zu sehen und irreversible Schritte zu unternehmen.
Verstärkung einer regressiven Definition von Geschlecht durch Stereotype
Ein Kernproblem des Artikels ist die implizite Definition von Geschlecht ausschließlich über überholte Klischees wie Spielzeug, Kleidung oder Haarlänge. Abweichungen davon werden als Beleg für einen „falschen“ Körper dargestellt – eine zutiefst regressive und reaktionäre Sichtweise, die genau auf die sexistischen Vorstellungen zurückgreift, gegen die der Feminismus seit Jahrzehnten ankämpft.
Das Geschlecht ist ein unveränderliches menschliches Merkmal, es hängt weder von Konsumgütern wie Barbie-Puppen, Xbox, Kleidern oder Frisuren ab, noch lässt es sich durch synthetische Sexualhormone oder plastische Chirurgie verändern. Ein wirklich progressives Menschenbild würde jungen Menschen genau das Gegenteil vermitteln: Es gibt nichts – absolut nichts –, was eine Frau mehr oder weniger weiblich macht. Eine Frau mit kurzen Haaren, flacher Brust oder amputierten Brüsten ist zu 100 % weiblich. Eine Frau mit langen Haaren, Silikonbrüsten und aufgespritzten Lippen ist genauso zu 100 % weiblich – nicht ein Prozent mehr. Weiblichkeit ist keine Leistung, die man durch Aussehen oder Verhalten erbringen muss.
Indem der Artikel Geschlecht auf solche Stereotype reduziert, pathologisiert er völlig normale Abweichungen von Klischees innerhalb des eigenen Geschlechts und führt junge Menschen in die Irre. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung hätte diese klare, emanzipatorische Botschaft vermittelt, statt eine reaktionäre Ideologie zu verstärken, die gesunde Körper als „falsch“ darstellt.
Minimierung der Risiken bei operativen Maßnahmen
Zuletzt betrachten wir die unkritische Wiedergabe chirurgischer Verfahren wie Brustentfernungen als hochgradig problematisch. Solche Schritte werden häufig als selbstverständliche Lösungen präsentiert, ohne auf die Komplexität oder die zugrunde liegenden psychologischen und sozialen Faktoren hinzuweisen. Forschungen wie die von Littman (2018)8 legen nahe, dass eine sogenannte „Gender-Dysphorie“ bei pubertierenden Mädchen häufig mit Umwelteinflüssen oder bestehenden psychischen Belastungen verknüpft ist. Langfristige Daten zu den Effekten fehlen weitgehend.
Der Cass-Report9 – eine eigenständige Evaluierung der britischen NHS-Dienste für „Genderidentitäten“ bei Minderjährigen – dokumentiert einen explosionsartigen Anstieg betroffener Mädchen in den vergangenen zehn Jahren. Oft basiert dies nicht allein auf Identitätskonflikten, sondern auf der Überlastung durch pubertäre Wandlungen, verstärkt durch Schönheitsnormen und mediale Einflüsse.
Ihr Text suggeriert, dass solche Eingriffe die alleinige Antwort auf Zweifel darstellen, ohne auf irreversible Konsequenzen einzugehen. Eine balancierte Sicht würde diese Punkte aufgreifen und die Bedeutung gründlicher Information unterstreichen.
Aufruf zu einem achtsameren Journalismus
Wir ersuchen Sie, zukünftig größere Sorgfalt walten zu lassen und Warnungen auszusprechen, wo sie angebracht sind. Medien haben einen erheblichen Einfluss auf junge Menschen, insbesondere auf Mädchen und junge Frauen, die mit Unsicherheiten bezüglich ihres Körpers kämpfen. Eine solide Berichterstattung integriert Fachansichten, benennt gesundheitliche Bedrohungen und beleuchtet psychosoziale Facetten.
Gerne initiieren wir einen Austausch, um gemeinsam bessere Ansätze zu entwickeln. Wir streben an, Mädchen und junge Frauen zu schützen und eine Diskussion anzuregen, die der Komplexität dieser Themen gerecht wird.
Mädchen und junge Frauen verdienen eine Umwelt, in der sie ihren Körper nicht als Fehler wahrnehmen.
Der Artikel „Trans-Mann aus Osterhofen kämpft seit Jahren für sein Recht auf Selbstbestimmung“ wurde hier veröffentlicht:
Quellen
- https://www.bundestag.de/resource/blob/1030100/47b213fcb2e7f7b06af124854c1df211/WD-8-057-24-pdf.pdf ↩︎
- https://www.nimh.nih.gov/health/topics/eating-disorders ↩︎
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33542145 ↩︎
- https://trace.tennessee.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=5248&context=utk_graddiss ↩︎
- https://www.bbc.com/news/magazine-29832690 ↩︎
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9745420/ ↩︎
- https://www.hrw.org/news/2010/12/15/iran-discrimination-and-violence-against-sexual-minorities ↩︎
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30114286/ ↩︎
- https://webarchive.nationalarchives.gov.uk/ukgwa/20250310143933/https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/ ↩︎

